Amsterdam ist eine verrückte Stadt, aber wenn man sich den ,Koninginnedag als Anreisetag‘ aussucht, hat man den verrücktesten im ganzen Jahr erwischt.“ Unser Taxifahrer schaut mit einer Mischung aus Bedauern und Amüsement in den Rückspiegel. Okay, er sollte seinen Spaß haben. Wir hatten dafür einen Doppeljackpot gelandet und ein Taxi erwischt, sonst hätten wir auch noch den ganzen Weg vom Lokal zurücklatschen müssen, denn zum Geburtstag der Königin ist Amsterdam im Ausnahmezustand, die komplette Innenstadt Partymeile. Am Morgen beginnt es mit einem flächendeckenden Flohmarkt. Jeder stellt seine Sachen, für die er noch ein paar Euro einstreifen möchte, vor die Tür. Jetzt, später am Abend, sind an jeder Ecke Boxen aufgebaut, DJs mischen ihren irren Sound und ein oranges Meer von Hippies, Dandys, Clowns und Freigeistern wogt zu heißen Rhythmen. Über der feiernden Masse schwebt eine Wolke aus Alkohol, Tabak und anderen seltsamen Kräutern. Man fühlt sich in ein psychedelisches Märchen versetzt, heute ist kein guter Tag für Coffeeshops. Man hat es gehört: Sie sollen abgeschafft werden, aber heute ist man froh, wenn man den unglaublichen Massen, die das Zentrum permanent ausspuckt, heil entkommt. Dass die Stadt angesichts der ungeheuren Mengen Müll jemals wieder begehbar sein wird, ist kaum vorstellbar.
Wenigstens haben wir es geschafft, uns die Bäuche voll zu schlagen – im Amsterdam, „the place to be“, sagt man, ein Café-Restaurant am Watertorenplein in einer ehemaligen Wasserpumpstation. Wahnsinnsambiente in der vielleicht 30 Meter hohen Halle mit alten Maschinen als Deko, hölzernem Dachstuhl, Eisenträgern und Flutlichtlampen aus dem alten Olympiastadion. Erbsensuppe, Hering, Steak Frites und gegrillter Kabeljau sind mehr als okay – herzhaft und lecker.
Aufpassen!!!!! Das war haarscharf, ein fliegender Holländer ist an mir vorbeigerast. Zwei Regeln habe ich bereits gelernt: Komme nie am Koninginnedag an und pass höllisch auf die Radfahrer auf. Die Autofahrer sind harmlos, aber sobald die Amsterdamer auf ihre zweirädrigen Höllenmaschinen steigen, agieren sie wie Taxifahrer in Istanbul. Vorrang für Fußgänger? Ein Fremdwort. Und immerhin gibt es rund 500.000 Fahrräder bei 740.000 Einwohnern. Dabei glühen sie oft auf den ärgsten Rostkisten herum, weil in Amsterdam alles geklaut wird, was nicht niet- und nagelfest ist, vor allem Fahrräder. Daher wird lieber in Supersicherheitsschlösser investiert, die doppelt so teuer sind wie das Rad selbst.
Radfahrer sind nicht die einzige Begegnung. In sechs Tagen haben uns vier Leute auf offener Straße angesprochen, macht immerhin einen Tagesschnitt von 0,66, einsam ist man nicht. Das japanische Ehepaar erzählt in der Warteschlange vor dem Anne-Frank-Haus seine halbe Lebensgeschichte, ein deutscher Hippie gibt uns wertvolle Amsterdam-Tipps – natürlich gegen Bares, ein Stuttgarter Student im Nadelstreif und Flip-Flops stellt sich als Straßenpoet vor. Er würde uns gern ein Stück begleiten (natürlich gegen Bares) – und eine weißhaarige Dame fragt mich nach dem Namen einer Kirche. Ich blättere fleißig in meinem Reiseführer, bis sie diebisch grinst und mich aufklärt: „War nur Spaß, ich wurde in Amsterdam geboren. Das ist übrigens die Westerkerk und ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“ Selbst der Klomann auf dem Centraal begrüßt jede Neuankommende mit „Hello, Darling“. Der Spaß ist mit 50 Cent für einmal pinkeln aber nicht gerade eine Okkasion. Von den Klofrauen lassen sich keine Freundlichkeiten berichten.
Das Spektrum ist in Amsterdam groß. Freiheit, Genuss, Fun bis zum Abwinken, auf der anderen Seite wird man von Apokalyptikern ständig davor gewarnt, dass einem bald der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Obwohl, das mit dem Himmel ist sonst eher die Domäne eines vollschlanken Galliers mit Hinkelstein. Anatol hat sich ganz auf Vegifood spezialisiert. In seinem Lokal, im Green Planet in der Spuistraat, wird man von einer berauschenden Soundwolke eingefangen, die amerikanische Kellnerin trägt Dreadlocks in allen Regenbogenfarben. Küchenchef Anatol ist Wiener und will nach Australien. „Ich sag’s euch, wenn hier einmal das Wasser wegen der Erderwärmung steigt, ist der Teufel los.“ Vor dem Ozonloch in Down Under fürchtet er sich nicht.
Auf einem anderen Planeten liegen die Grachten. Ein Klein-Venedig, das ähnlich wie das Original auf 13.659 Pfählen gebaut ist. Verrottet eine dieser Stützen, sinkt das darüber liegende Haus ab und bleibt schief, scheint aber niemanden zu stören. Da ist Seefestigkeit gefragt, genauso, wenn man auf einem der rund 4000 Hausboote lebt. Falls Sie eines kaufen wollen, es gibt immer wieder Angebote. Ein bisschen eng sind die Dinger halt. Ein Sprung ins Wasser, wenn der Open-Air-Backofen wieder einmal auf Volldampf läuft, ist nicht empfehlenswert. Die Kanäle sind angeblich jeweils zu einem Drittel mit Wasser, Schlamm und Fahrrädern gefüllt.
Stoff oder wenigstens einen Joint hat mir niemand angeboten. Meinem Ziel, endlich einmal ordentliches Gras in Amsterdam zu rauchen, bin ich noch nicht wesentlich näher gekommen.
Dann lieber in die bunte Restaurantszene eintauchen. Die IJkantine ist schon deshalb einen Abstecher wert, weil a) für die Fähre vom Centraal Bahnhof nichts nerappt, b) man die hippen Amsterdamer herrlich beobachten kann, c) die lässige Designerlocation mit der riesigen Fensterfront auf das Wasser genießen kann, und weil d) die Brasserieküche (Dorade mit Paprikajus und Ravioli mit Rote-Bete-Füllung) so cool wie das Publikum ist.
Das krasse Gegenteil begegnet uns im De Struisvogel. Man steigt in der Keizersgracht 312 in den Keller hinunter, allerdings kein Abstieg. Das kleine Lokal ist so intim wie ein englisches Pub – Amsterdam hat ohnehin sehr viel Englisches an sich. Als wir zu unserer Unterkunft Richtung Molenwijk fuhren, hatten wir das Gefühl, sich innerhalb von zehn Busstationen in eine nordenglische Vorstadtsiedlung mit den langen Backsteinbauten gebeamt zu haben. Aber zurück zum De Struisvogel, dort gab gab es zur Vorspeise ein Rindercarpaccio mit Pinienkernen, dann natürlich ein Straußensteak, zum Abrunden eine Apfeltarte.
In derselben Straße kanalaufwärts, in einem urigen Kellergewölbe mit roten Mauern und massiven Tischen, erforscht man eines der abenteuerlichsten holländischen Geheimnisse: den Pfannkuchen. Auf dem Tisch wartet ein riesiger Pott auf das Zusammentreffen mit einem wagenradgroßen Pfannkuchen. Ob klassisch mit Zucker, Zimt oder Apfelmus oder mit Lachs, Creamcheese und Crème fraîche.
Noch immer keinen richtigen Coffeeshop gefunden. Fast wären wir ja in einen hineingegangen, aber der Gestank und die zwielichtigen Typen waren uns dann doch nicht geheuer. Stattdessen lieber zu Jonk’s Herring Cart am Spui. Holländischer geht es nicht – ein Matjesbrötchen mit Gurke und Zwiebeln im Stehen essen. Die Finger sind fett, aber als Draufgabe spielt eine Musikantengruppe aus Bayern mit original Lederhosen und strammen Wadeln auf.
Man kann sein Kleingeld auch in einer der Diamantschleifereien loswerden. Beeindruckende Klunkerchen sind zu bestaunen und man kann den Spezialisten beim Bearbeiten der Steine zusehen. Ein Russe hat gerade einen Rohdiamanten um 60.000 Euro gekauft, und wir schleichen beeindruckt durch die verwirrenden Gänge hinaus. Ich gehe dabei fast verloren und meine Reisegruppe denkt schon an die Organmafia. Auf den Schrecken hin schnell ein Jenever in De Drie Fleschjes in der Gravenstraat. Warum man den ersten Schluck, ohne das Glas mit den Händen zu berühren von oben schlürfen muss, ist jetzt klar. Es ist so extrem voll, dass der Jenever eine Kuppel bildet. Ein kleiner Rausch ist garantiert – auch ein Trost, weil wir keinen Joint geraucht haben.