Puerto Rico sitzt zwischen zwei „Stühlen“: Die Insel, auf der 1493 Christoph Kolumbus landete, ist ein Zwitterland mit einer von Spanien und den Vereinigten Staaten geprägten Kultur. Über Verteidigung, Finanzwesen und Außenpolitik des „Estado libre“ – des „freien, assoziierten Staates“ – entscheidet seit 1952 die Regierung der Vereinigten Staaten, wobei die Insel weder ein Bundesstaat mit allen Rechten und Pflichten noch ein autonomes Land ist; und – weil ökonomisch vollkommen abhängig – alles andere als frei. Anfang der 90er Jahre wurde Englisch als Amtssprache kurzzeitig abgeschafft. Inzwischen spricht man auf Puerto Rico drei Sprachen: Spanisch, Englisch und Spanglish – ein Kauderwelsch aus Spanisch und Englisch. Auf der einen Seite faszinieren die materielle Freiheit und die schnelllebige Glamour- und Fast-Food-Mentalität der Nordamerikaner, auf der anderen Seite die lockere Ungezwungenheit und die traditionellen spanischen Werte der Südamerikaner. Heute versuchen die Insulaner sich die Rosinen beider Seiten rauszupicken und finden ein Gleichgewicht: Zum Erntedankfest lassen sie sich Truthahn schmecken, zu Weihnachten genießen sie Spanferkel mit schwarzen Bohnen. Die Kinder glauben an die Heiligen Drei Könige und an Santa Claus. Es wird sowohl nach hispanischem als auch nordamerikanischem Kalender gefeiert; so kommt es, dass im Juli gerade einmal vierzehn Tage gearbeitet wird. Puerto Rico, das Land mit den meisten Feiertagen? Nicht schlecht. Touristen bietet Puerto Rico aber dank spanischer Kolonialherren vor allem auch eine Fülle historischer Bauwerke, dank der Amerikaner eine ausgezeichnete Infrastruktur und dank des Klimas eine tropisch-grüne Natur. 300 Kilometer goldgelbe, menschenleere Strände, mal von Dünen, mal von Palmenhainen gesäumt, sind da nur das Tüpfelchen auf dem i.
Wir sind im El-Yunque-Regenwald angekommen; nur gut eine Autostunde östlich der Hauptstadt San Juan entfernt. 350 Milliarden Liter Regen fallen in diesem Gebiet jährlich und sichern so eine einzigartige Vielfalt von Pflanzen und Tieren. Die Autofahrt hierher ist jedoch eher ernüchternd. Wo ist die Karibik, wie sie in den Touristikprospekten angepriesen wird, wo das Idyll? Stattdessen dominieren Wellblechschuppen, Containerparkplätze, Autowaschanlagen, Gebrauchtwagenhändler, qualmende Fabrikschlote und industriell bestellte Ananasfelder das Landschaftsbild. Doch irgendwann, unmittelbar nach dem letzten Hochhaus, werden die Straßen enger, der Staub weniger, die Farben bunter und das Leben karibischer. Der El-Yunque-Regenwald selbst pustet mit einem Mal jede Enttäuschung aus den Gesichtern der Mitreisenden und die Natur enthüllt ihre tropischen Reize; rauschende Wasserfälle, dichte Vegetation, wilde Blumen mit atemberaubenden Farben und unzählige Vogelarten repräsentieren die Einzigartigkeit des Gebietes, das bereits 1903 von dem amerikanischen Präsidenten Teddy Roosevelt zum Nationalpark erklärt wurde. Mehr als 240 verschiedene Baumarten ragen imposant in den blitzblauen Himmel. Einige davon können bereits auf eine tausend Jahre alte Geschichte zurückblicken. Im Herzen El Yunques entspringen die acht größten Flüsse Puerto Ricos. Kaum zu glauben, dass all dies von Menschenhand geschaffen wurde; Pflanzen und Tiere wurden aus den Primärregenwäldern Lateinamerikas und Asiens importiert und der Nationalpark nach und nach künstlich aufgestockt. Wenig bekannt ist auch die Tatsache, dass in dem 11.330 ha großen Regenwald rund 85 Prozent der nordamerikanischen Pharmaindustrie angesiedelt sind. Warum? Um in einem hermetisch abgeriegelten Sperrgebiet unter Hochdruck mit Ingwer an einem Konkurrenzprodukt für Viagra zu experimentieren. Puerto Rico ist übrigens auch der weltweit größte Produzent des blauen Potenzmittels; für all jene, die dies immer schon einmal wissen wollten.