Südengland: Kulinarischer Geheimtipp

Urlaub in Südengland, das klingt zwar nach märchenhafter Landschaft, prachtvollen Landhäusern mit Spitzenvorhängen und Blumentapeten, nach malerisch ins Meer abfallenden Felsen – für den Feinschmecker aber auch nach Hungern. Denn wenn Cornwall und Sussex für etwas nicht bekannt sind, dann wohl für gutes Essen. Ungerechterweise, denn wenn man dort einmal unterwegs ist, dann lernt man schnell: Die Küche ist vorzüglich. In den Pubs wird gutes Bodenständiges serviert, an der Küste ausgezeichneter Fisch, mediterran-leicht zubereitet für ein elegantes Mahl.

Schuld an Letzterem ist zu einem nicht geringen Teil Rick Stein, 60-jähriger Engländer, Koch, Betreiber von vier Lokalen in Padstow und der „Fisch-Papst“ schlechthin. Vor gut 30 Jahren hat er begonnen, die Schätze aus dem nahen Meer in köstliche Gerichte zu verwandeln, nach und nach hat er sich damit ein richtiges Imperium geschaffen, in dem er sich nicht nur der feinen Restaurantküche widmet, sondern auch der einfacheren, schnellen. Seine Fish & Chips – für den englischen Nationalimbiss schuf er sogar ein eigenes Lokal – haben mit den vor Fett triefenden, labbrigen Portionen, die man in London häufig bekommt, überhaupt nichts gemeinsam. Sogar im nach Stein selbst benannten Café stehen Garnelen mit Limetten oder Muscheln mit Tomatenchili auf der Karte, in seinem St. Petroc’s Bistro Zitronenscholle mit Anchovybutter sowie gegrillte Makrelenfilets mit sonnengetrockneten Tomaten auf Fenchelsamen. Angesichts dieser Alternativen nimmt man es gar nicht so schwer, wenn man den kulinarischen Olymp in Padstow nicht erklimmt: In Rick Stein’s Seafood-Restaurant kann es schon passieren kann, dass man auch innerhalb einer Woche keinen Tisch bekommt, so ausgebucht ist das Lokal.

Aufs Gefühl verlassen – damit hat Stein einiges angerichtet im Südwesten Englands. In ganz Cornwall wird man mittlerweile hervorragend bekocht, werden Mahlzeiten leicht und naturnahe zubereitet, und so schmeckt man auch richtig, dass der Fisch und die Meeresfrüchte erst am Morgen aus ihrer nassen Lebenswelt geholt wurden. Dafür braucht man nicht einmal einen Restaurantführer. Ganz im Gegenteil: Eine Rundreise mit dem Auto, bei der man sich puncto Essen einfach treiben lässt, birgt reihenweise positive Überraschungen. Wer da schlecht isst, ist wirklich selbst schuld. Mitten in der Landschaft ein Pub, und wenn davor viele Autos stehen, gibt es dort auch gute Mahlzeiten.

Selbst wenn Mash and Sausages einmal nicht ganz so perfekt sein sollten, so entschädigen die prachtvolle Landschaft und die offenen Menschen voll und ganz. Man kann Wetten darauf abschließen, wie lange es dauert, um sich mit den Stammgästen aus der Umgebung bestens zu unterhalten. (Für Unerfahrene ein Richtwert: nicht mehr als fünf Minuten!), und wenn man dann nicht aufpasst, kann aus dem Mittagessen ein feucht-fröhlicher Nachmittag und ein langer Abend werden.

Zeitreise Freilich ist das keine schlecht genützte (Urlaubs-)Zeit, allerdings entginge einem schon viel, sollte das öfter vorkommen. Die Rundreise durch den Süden entpuppt sich nämlich als Zeitreise im doppelten Sinn. Unglaublich, wie viel Zeit man dort verbringen kann, und noch faszinierender, in welch alte Zeiten man dabei versetzt wird. 2000 Jahre zurück in Bath, wo noch immer die römischen Heilbäder zu benützen sind, gut 100 Jahre etwa in Alfriston, ein pittoresker Ort in East Sussex, mit seinen alten Häusern absolut sehenswert. Weil alles echt ist, nicht nachgebaut, und in den engen Gassen manches Pub entdeckt werden will, in dem herrliche Gerichte aufgetischt werden. Und Geschichten noch dazu.

In den 30er- bis 50er Jahren des 20. Jahrhunderts landet man in Goodwood, wo man die tollkühnen Männer in ihren vierrädrigen Kisten trifft, wenn jedes Jahr Ende August das „Goodwood Revival“ angesetzt ist – ein einzigartiges Oldtimertreffen, bei dem die Engländer ihr Traditionsbewusstsein voll und ganz ausleben. Was die Veranstaltung nicht nur für Fans alter Autos attraktiv macht. Nirgendwo sonst bekommt man die alte Art des Reisens, des Motorsports, der Mode und des Lebens so perfekt vorgeführt wie dort.

Nicht auslassen sollte man auf der Zeitrundreise den Dartmoor National Park – ein paar Tage Naturgenuss einplanen! – und den südwestlichen Zipfel Englands, eine Halbinsel mit dem Ort St. Ives, einem Künstlerdorf, das so, wie es aussieht, ebenso gut in Südfrankreich stehen könnte. Aber planen Sie auch dort genügend Zeit ein, schließlich sollten Sie Ihre neue Erfahrung ausreichend würdigen: jene, dass das englische Essen nicht nur genießbar, sondern ein Genuss sein kann.

reisetipps

  • Anreise: Am günstigsten mit Ryan-Air nach London, die von dort auch Flüge nach Newquay anbietet. Dort nimmt man sich am besten einen Mietwagen und macht sich auf eigene Faust auf den Weg durch das Rosamunde-Pilcher-Land.
  • Reisezeit: Am besten geeignet für einen Südengland-Urlaub sind die Monate Mai und Juni sowie der September und der Oktober. Im Juli und August ist es zwar wärmer, allerdings regnet es häufiger.
  • Vorschlag für eine Reiseroute: Von Newquay Richtung Norden nach Padstow (Rick Stein’s Imperium), Bath (römische Bäder), Stonehenge (nahe Salisbury), Alfriston, Goodwood (Goodwood-Revival Ende August), Dartmoor National Park, St. Ives (mediterranes Künstlerdorf), Newquay. Alles in allem rund 1100 Kilometer.
  • Wechselkurs: 1 Euro = 0,68 Pfund Sterling, 1 Pfund Sterling = 1,47 Euro

infos & buchungen

Den ganzen Artikel können Sie im Genießermagazin GourmetReise oder HIER mit Ihrem Member Login nachlesen. Wenn Sie noch kein GourmetReise Member sind, können Sie sich HIER anmelden.