Manege frei: Hereinspaziert! In die Stadt der großartigen Bauwerke, wo man nicht mehr aus dem Staunen herauskommt. Was für ein Gefühl, im Morgentau des Rathausparks den Salonwagen des letzten österreichischen Zirkus zu öffnen. Rechts das Rathaus, links das Burgtheater, welche Pracht. Auf einen Einspänner und ein Briochekipferl ins Café Sluka in den nahe gelegenen Arkaden. Oder über die Ringstraße ins Café Landtmann, um sich mit zwei weichen Eiern im Glas, Buttersemmeln und einer Melange zu stärken.
Vor 30 Jahren verließ Bernhard Paul – wie so viele andere berühmte Söhne der Alpenrepublik – das heimische Territorium, um Talent und Begabung unter Beweis zu stellen. In der langen Reihe von Billy Wilder, Arnold Schwarzenegger, Wolfgang Puck, Frank Stronach & Co. findet auch der Name Bernhard Paul seinen würdigen Platz.
Seinerzeit, als er seinen poesievollen Traum vom Zirkus gerade noch vorm anfangs drohenden Scheitern bewahren konnte, fand er als neue Basis seines Schaffens die Stadt Köln. Der größte Abstand zwischen seinen Besuchen in Wien waren einmal 17 Jahre: „Da gewinnt man Abstand, aber auch Sehnsucht. Man sieht die „Heimatstadt“ auf einmal mit ganz anderen Augen. So wie man sie lieb gewonnen, aber auch, was sich so alles verändert hat.“
Das 59 Jahre junge Multitalent Bernhard Paul, seine schöne, rassige Frau Eliane und die drei Sprösslinge Vivian, Adrian und Lilian sind das Wanderleben gewohnt. Aber am liebsten ist ihnen der Aufenthalt in Wien während des sechswöchigen Gastspiels auf dem Rathausplatz.
Kürzlich hat sich der leidenschaftliche Wiener seinen Traum erfüllt und in einem der schönsten Otto-Wagner-Jugendstilhäuser, gleich beim Nasch- und Flohmarkt, einen traumhaften „Pied à terre“ gefunden.
Bernhard Paul war Art-Director des Wochen-Magazins „Profil“, ehe er als 26-Jähriger seine seit mehr als 30 Jahren erfolgreiche Zirkuskarriere startete. Probleme hat der kompromisslose Freund alles Schönen und Ästhetischen mit zeitgeistigen Entwicklungen in Architektur und Design sowie den negativen Auswirkungen der Globalisierung im Konsum- und Genussbereich. Trotzdem hat der neue Partner von Eckart Witzigmann im neuen Spiegelzelt „Bajazzo“ in München, Köln, Hamburg und Frankfurt für verkrustete Tradition nichts übrig.
„Was uns der Kaiser Franz Josef hinterlassen hat, werden auch die größten Banausen kaum zunichte machen können“, versichert das unermüdliche Kreativbündel Paul. Wien hat ja schon einiges hinter sich, von den Türkenbelagerungen angefangen über Napoleons Schlachten, zwei Weltkriege, Besatzung … Aber: „Ein echter Wiener geht nicht unter“.
Mittelalter, Biedermeier, Barock und Gründerzeit, Jugendstil, Moderne – für jeden etwas. Wer Wien richtig ergründen will, bewegt sich per pedes. Zur Einstimmung jedoch bietet sich die Fahrt mit der Straßenbahnlinie 1 oder 2, die kontinuierlich die innere und äußere Seite der Ringstraße umkreisen. Alle Prachtbauten am Ring, der den 1. Bezirk umschließt, sind zu bewundern. Eine wahre Zeitreise. Geplant oder spontan. Vom inneren Ring kann man durch die nicht immer symmetrischen schmalen, teilweise noch mit holprigen Steinen gepflasterten Gassen zum eigentlichen Mittelpunkt der Stadt, dem Stephansplatz, gelangen. Eine atemberaubende Schau von Bauwerken, Fassaden, Monumenten, Geschäftslokalen, Kaffeehäusern und Restaurants. An jeder Ecke gibt es ein Wirtshaus, Beisel, Stehcafé, Konditorei mit heimischen oder überregionalen Köstlichkeiten. Auf solch eine geballte Ladung Architektur pur kann sich jeder Wien-Besucher freuen. Die Barockschlösser Schönbrunn und Belvedere, die zahlreichen Stadtpalais, die Stadtbahnstationen von Otto Wagner, der gotische Stephansdom und das zweite Wahrzeichen von Wien, das Riesenrad im Vergnügungspark Prater. Alte Bürgerhäuser aus der Kaiserzeit mit Karyatiden, Fassaden mit Zuckerbäckerdekoration – zu Stein gewordenes Schlagobers. Biedermeierseligkeit in der Vorstadt, prachtvolle, grüne Hinterhöfe hinter schlichten Hausfassaden in den Vorstädten. Ende nie! Gehen Sie einfach auf Entdeckungsreise!
Wien – Musikhauptstadt der Welt.
Wien hat viele große Söhne musikalischen Schaffens: Mozart, Schubert, Strauß, Mahler sind einige davon. Geniale Maler wie Gustav Klimt, Egon Schiele, Koloman Moser, Denker wie Sigmund Freud. Mit dem Neujahrskonzert der Philharmoniker im goldenen Musikvereinssaal beginnt am ersten Tag des Jahres die Reihe der musikalischen Highlights auf dem Boden des einstigen Römerlagers Vindobona. Auch Bernhard Paul ist künstlerisch vorbelastet: Sein Urgroßvater Josef Weyl war Textdichter des weltberühmten Donauwalzers von Johann Strauß.
Wien ist anders. Das beginnt schon wieder auf dem Rathausplatz. Für Bernhard Paul der schönste Platz für seinen Circus Roncalli. Das ganze Team, von den Artisten bis zum Platzwart, alle sind hellauf begeistert. Clown Larible, der Bruder von Eliane Paul, hat sich so in die Stadt verliebt, dass er hier in Zukunft gerne leben würde. Für Bernhard Paul ist Österreich, nicht die USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Er entdeckt an jeder Ecke etwas Neues. Kuriositäten, seien es Menschen oder alte Ladengeschäfte. Bernhard Paul, Schulkollege und bester Freund des grandiosen Karikaturisten Manfred Deix, liebt den Wiener Schmäh. Seine Philosophie: „Anderswo werden Probleme mit Diskussionen gelöst, in Wien mit Schmäh. In jeder Diskussion ist ein Schuss Humor dabei.“ (Simultan übersetzt: „Schmäh“ könnte man am besten als spontanen Mutterwitz bezeichnen.)
Der Wiener Stolz. Wo findet man die Identität Wiens? Im Ursprünglichen, in den Seitengassen, den Beiseln, in den alten Kaffeehäusern. Der typische Wiener ist die Urform der multikulturellen Gesellschaft. Im Wiener Telefonbuch nachzuvollziehen: die Pospischils, Navratils und sonstige slawische und levantinische Familiennamen.
Und die Morbidität: An einem regnerischen Herbsttag am Zentralfriedhof an den Gräbern von Hans Moser bis Falco vorbeispazieren. In Wolfgang Ambros‘ Lied „Es lebe der Zentralfriedhof“ kann man es nachhören.
Bernie Paul: „Wien ist angenehm langsam im Vergleich zu anderen Weltstädten. Man geht zu Fuß Besorgungen machen, fällt dazwischen in eines der Kaffeehäuser, vergisst seinen Termin, geht an einem Buchladen vorbei und kommt statt mit dem ursprünglich geplanten Einkauf mit ganz anderen Dingen nach Hause. Die Gefahr, dass man sich verliert, ist groß. Es ist nicht vorhersehbar. Man geht oft weg und wenn man zurückkommt, hat man viel erlebt. Die Geschichte mit dem Zigaretteneinkaufen-Gehen und dem Nicht-mehr-Heimkommen muss erstmalig in Wien passiert sein. Wiener sind stolz darauf, Wiener zu sein. Je weiter man von Wien weggeht, umso mehr lernt man es schätzen. Wer immer hier lebt, weiß es oft gar nicht zu schätzen, weil es für uns so normal ist“, resümiert der beinahe verloren gegangene Sohn.
Hohe Lebensqualität und Freizeitwert
Riesige Parkanlagen, der Wienerwald, das 21 Kilometer lange Badeparadies Donauinsel, der Naturpark Lobau: Alles mitten in der Stadt oder in kürzester Zeit vom Zentrum erreichbar. Eine saubere Stadt, herrliche Luftqualität und das beste Wasser der Welt – aus der Leitung. Was mehr kann man sich wünschen?
Wo und was?
„Beim Julius Meinl am Graben würde ich gerne auf die Frage, was ich bekomme, sagen: „Bitte geben Sie mir alles.“ Das beste Roastbeef der Welt kriegt man beim Urbanek auf dem Naschmarkt. Den Tafelspitz mit allen klassischen Beilagen verzehre ich bedingungslos beim Plachutta in der Wollzeile. Kardinalschnitte mit Kaffeecreme oder das grenzgeniale Walderdbeerschiffchen im Sluka. Schokolade beim Schokokönig Leschanz in der Nähe der Peterskirche, was mir so auf die Schnelle einfällt“, verrät uns Bernhard Paul.