Shanghai - Asiens Neue Traumstadt

Michelle Garnaut sitzt auf der Terrasse in ihrem Restaurant „M on the Bund“ – mit herrlichem Blick auf die gleichnamige, neue Prachtstraße am Huangpu River. Schwere weiße Stoffdecken auf dem Art-déco-Tisch, darauf ein Glas Chablis aus Frankreich. „Wenn Chinesen etwas in Angriff nehmen, dann tun sie das gründlich“, sagt sie.

Sie ist die Grande Dame der „neuen“ Restaurantszene in Shanghai. Bei der Eröffnung vor einigen Jahren war der Bund noch eine elfspurige Autobahn, alles verstopft und stinkig. „Die Chinesen zeigten mir den Vogel, als ich ihnen erzählte, hier ein Nobelrestaurant eröffnen zu wollen“, erzählt Garnaut.

Heute hat der Bund vier Spuren, die Prachtgebäude aus dem 20. Jahrhundert sind renoviert, die Fassaden frisch. Banken, Luxusboutiquen, Hotels, Galerien und schicke Restaurants sind die neuen Mieter auf „Shanghais Champs-Élysées“.

wenn chinesen …
… etwas in Angriff nehmen, dann tun sie das gründlich: Garnaut, die Australierin, will gar nicht vom Expo-Gelände sprechen, das mehrere Tausend Fußballfelder groß ist und für das man 18.000 Familien, 270 Fabriken und 10.000 Arbeiter umgesiedelt hat. „Wir reden von den kleinen Dingen des Lebens in Shanghai, die sich durch die Expo in der 16-Millionen-Metropole verändert haben“, verrät sie aber.
Zum Beispiel ist der Pyjama aus dem Straßenbild der Stadt verschwunden. Es ist die charmante Eigenart der Shanghaier, im Pyjama zum Einkaufen zu gehen – nur so kommen sie mit den engen Wohnverhältnissen und dem heißen Sommer zurande. „Die Pyjamas haben sogar eigene Taschen für Geldbörse und Schlüssel“, erzählt Garnaut. Vater Staat machte sich um dieses Erscheinungsbild Sorgen. „Also hat man mit neuen Ordnungs- und Benimmkampagnen Pyjamas auf der Straße verboten“, erklärt die Australierin Garnaut.

So wie auch das Aufhängen der Wäsche vor dem Fenster. Fliegende Händler werden von der Straße vertrieben, Garküchen sind in den Touristen-Bezirken wie vom Erdboden verschluckt. Angeblich, um das Straßenbild nicht zu stören. Das macht Michelle Garnaut nachdenklich. Aber es entlockt ihr auch ein Lächeln. „Die Schwarzhändler hat man einfach ins Hinterzimmer gedrängt“, klärt sie auf. „Jetzt sind die Verkaufsräume mit einem Vorhang zweigeteilt. Im kleinen ‚offiziellen‘ Raum gibt es Originale, im großen hinteren Bereich die gefälschte Ware. So sind sie, die Chinesen“, sagt Garnaut. „Was man nicht sieht, existiert auch nicht.“ „Und“, so schließt sie an, „wenn die Expo im Herbst vorbei ist, wird alles wieder beim Alten sein. Auch da kann man sich auf die Chinesen verlassen.“ Rechtzeitig für die Expo hat man auch Schlangen, eine Spezialität in China, von den Speisekarten gestrichen. Fugu, der Kugelfisch mit dem lebensgefährlichen Gift, findet sich in diversen Restaurants aber nach wie vor.

wenn chinesen …
… etwas in Angriff nehmen, dann tun sie das gründlich: Das gilt in Shanghai auch für Hotels und Restaurants, die aus dem Boden schießen wie Bambus nach dem Regen. Peninsula eröffnete ein neues Luxushaus am Bund, die Hotellegende „Peace Hotel“ wurde gerade als „Art Peace Hotel“ von der Schweizer Swatch Group wieder wachgeküsst. Jules Kwan baute das „URBN“, ein CO2-neutrales Boutiquehotel, mitten in die quirlige Stadt.

Epizentrum der neuen Gastlichkeit ist Pudong, das neue Stadtviertel am Huangpu River, der sich wie ein Wurm durch die Stadt schlängelt. „Der Jim Mao Tower, für viele das schönste Hochhaus der Welt, ist längst nicht mehr der Herrscher der Silhouette. Er ist umzingelt von einem ganzen eifer- und geltungssüchtigem Hochhäuserstaat“, schreibt die „Zeit“. Aufgedonnerte Urbanität in der Pubertät, ein herrlich unbekümmertes Architekturwunschkonzert.

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Luxus am Bound. Vor einigen Jahren war „The Bund“ noch eine verstopfte und stinkende Autobahn.

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Mittendrin, besser gesagt ganz oben, arbeitet ein Österreicher. Gerhard Passrugger leitet die Küchen des „Park Hyatt Hotels“, 79. bis 93. Stockwerk des markanten World Financial Centers im Geschäftsviertel Lujiazui. Expresslifte brauchen gerade einmal 51 Sekunden bis zur Rezeption in der 87. Etage. Wer zu Fuß runtergehen will, braucht für die 2300 Stufen rund eine Stunde. Das hat Passrugger, Chef über 150 Köche, selbst probiert. „Vor einigen Jahren war der Flaschenöffner (wie das Haus seiner Form nach genannt wird) noch das höchste Gebäude der Welt. Heute ist zumindest der dreistöckige Restaurant-und-Bar-Komplex ‚100 Century Avenue‘ das höchste Restaurant der Welt. Wir reden hier von den Etagen 91 bis 93“, erzählt Passrugger.

wenn chinesen …
… etwas in Angriff nehmen, dann tun sie das gründlich: Das gilt auch für das Vergnügungsviertel Xintiandi. Kein Besuch in Shanghai wäre vollständig ohne einen Besuch von Xintiandi mit seinen Boutiquen, Restaurants, Bars und Geschäften. Es ist die Ausgehzone der Stadt. Michelle Garnaut steht dem Viertel skeptisch gegenüber. „Xin Tian Di (neues Paradies) ist Aushängeschild des modernen Shanghai, wo betuchte Einheimische, Touristen und Auswanderer trendige Restaurants besuchen, Starbucks-Kaffee oder deutsches Bier bei Live-Musik trinken“, sagt sie.

Ja, gut, es gebe hier schon tolle Lokale wie das „T8“, das „Crystal Jade“ oder „Din Tai Fung“. Garnaut zieht es da schon eher in den Yu Yuan-Garden mit dem alten Teehaus im chinesischen Viertel. „Da ist das alte Shanghai, trotz der Menschenmassen, spürbar: geschwungene Dächer, rote Lampions, Garküchen mit frittierten Krebsen und Tintenfischen. Und der Geruch von Chou-Tofu, einer stinkenden, frittierten Art des Tofu-Sojabohnenkäses“, erzählt sie. 170 Millionen Dollar hat man für die Renovierung von Xintiandi ausgegeben.

„Benjamin Wood, ein bekannter US-amerikanischer Architekt, überwachte den Umbau der alten Wohnblöcke mit den traditionellen Steintoren und Innenhöfen“, erklärt Garnaut. „Ein Paradoxon. Hier, in Xintiandi, wo Mao in einem Backsteinhaus die Kommunistische Partei Chinas gründete, liegt jetzt das kulinarische Vergnügungsviertel Shanghais. Mao würde sich im Grab umdrehen. Ganz bestimmt.“

Madame Michelle Garnault

Die Grand Dame der Gastronomie

Eigentlich ist Michelle Garnaut Australierin. Aber schon früh zog es sie nach Asien, genauer gesagt 1984, als sie als gelernte Köchin in einem Restaurant in Hongkong zu arbeiten begann und eine Catering-Firma eröffnete. 1989 dann der große Schritt: Sie eröffnete das „M at the Fringe“. Ein Restaurant in einem ehemaligen Kühlhaus.

Garnaut war damit neben dem Österreicher Christian Rhomberg und seiner „Group 97“ einer der Gastronomie-Pioniere in Hongkong.

1996, als sie Gast im legendären „Peace Hotel“ in Shanghai war, entstand die Idee, etwas Ähnliches wie das „M at the Fringe“ auch in Shanghai zu bauen. „M on the Bound“ eröffnete 1999 an der gleichnamigen Straße, als der Ort noch eine kulinarische Wüste und Shanghai keineswegs dieser Superstar wie heute war. 2006 folgte die „Glamour Bar“ am selben Ort.

Michelle Garnaut ist Initiatorin des „Shanghai Literary Festivals“, mittlerweile das größte der Region. Und damit ihr nicht langweilig wird, hat sie 2009 das Restaurant „Capital M“ in Peking eröffnet. „Time Out Beijing“ war begeistert, das Restaurant an der historischen Quianmen Street wurde zum „Best New Restaurant 2010“ gekürt.

Wenn sie in Shanghai ist, zieht es Garnaut in die chinesischen Restaurants der Stadt, Ihre Tipps: Das „1221“ mit moderner Shanghai-Cuisine und das „Xin Wang“, eine Dim-Sum-Kette, die 24 Stunden geöffnet hat. Der Rettungsanker nach einer langen Nacht.

Fotos: Shutterstock, M on the Bund, Glamour Bar, Radisson Hotel Pudong Century Park, URBN Hotel Shanghai, Robert Kropf, Hyatt Hotels Shanghai, The Peninsula Shanghai, Pudong Shangri-La, Scott Wright/Kee Club Shanghai

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