Chefredakteurin on Tour - Landflucht 2.0

Ein Eigengartenanteil in der Stadt gehört laut neuesten Studien zu den Luxusgütern unserer Zeit. Ich bin nun seit einigen Monaten stolze Besitzerin von etwa 6,9 Quadratmetern desselben, und fühlte mich deswegen berufen, auf der Grundfläche einer durchschnittlichen Sandkiste Gemüse, Obst und Kräuter anzubauen. Denn schließlich, so eine Freundin, wäre das Hegen und Pflegen kontemplativ für den Geist und der Eigenanbau konspirativ verbindbar mit der neuen Nachhaltigkeit. Also alles in allem eine grandiose Idee, die bestimmt reichlich Früchte getragen hätte, wäre ich nicht trotz minutiöser Planung an zwei unüberwindbaren Hindernissen gescheitert. Erstens: Meine zarten Pflänzchen weigerten sich hartnäckig, sich in meiner Abwesenheit selbst gegen ihre Fressfeinde zu verteidigen. Was mich nach einigen Monaten, mehreren verzweifelten Gegenangriffen mit biologisch abbaubaren Mittelchen und dem Aussetzen von Marienkäfern dann fragen ließ, zu welchem Zeitpunkt die Evolution da vergessen hat, sich einzuklinken. Und zweitens: mein unumstößliches Talent, alles chlorophyllhaltige Leben um mich herum zu töten. Geerbt von der Großmutter mütterlicherseits, die es bereits seit Jahrzehnten vorzieht, mit Kunststoffpflanzen zu wohnen.

Als überzeugte Neo-Bäuerin kaufte ich voller Zuversicht zuerst den Baumarkt meines Vertrauens leer: massenhaft humushaltige Erde, ein kleines Holzzäunchen und natürlich nicht zu vergessen die Samen aller erdenklichen Gemüsesorten und Kräuter, deren Namen mir bekannt oder gänzlich fremd waren. Voller Euphorie gab es dann auch noch pinkfarbene Crocs, um in meinem zukünftigen kleinen Garten Eden munter herumzuspringen. Das ist im Übrigen auch die einzige Legitimation für diese hässlichen Gummilatschen, wenn man das Alter von sechs Jahren überschritten hat. Egal in welcher Farbe.

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