Das Herz schlägt höher, wenn man auf der Strada Costiera nach Triest tuckert. Endlich, nach der nächsten Kurve füllt das blau schimmernde Meer plötzlich den ganzen Horizont. Flash! Jedes Mal berauschend. Hier, mitten am steilen Berghang, 105 Stufen über der Straße, lebt Veit Heinichen. Deutscher, mit seinen vier Triest-Krimis in die Suspense-Elite aufgestiegen, das neueste Buch erscheint im August. Der Blick hinunter ist unverschämt schön, Panoramakino von der istrischen Halbinsel, Triest, dem Sissi-Schloss Miramare und Aquilea eingerahmt. Hier nicht zu schreiben, ist unmöglich. Heinichens Commissario Proteo Laurenti bewohnt übrigens ein ähnliches Haus.
Der ehemalige Marketingleiter des S. Fischer-Verlags und Gründer des Berlin-Verlags hat Wurzeln geschlagen in Triest – Schnittstelle zwischen Balkan und Europa, verdichtet mit europäischer Geschichte, voller Brüche. Eine einmalige Kombination aus untergegangener Weltstadt und pulsierendem Meltingpot, Prototyp der europäischen Stadt, wo 90 Ethnien vereint sind. Triest ist aber bei Gott keine gefährliche Stadt. Kaum eine gestohlene Handtasche, und Schlusslicht in der italienischen Kriminalitätsstatistik. „Triest hatte eine andere Funktion, war riesengroße Geldwaschanlage – und wir hatten neun Stasiagenten.“
Die Linien des Verbrechens verlaufen fein. Heinichen und Proteo Laurenti, dessen Name von einem Grottenolm in den Höhlensystemen der Umgebung abgeleitet ist, wühlen gründlich in vergessen geglaubten Geschichtswunden. „In Triest vereinen sich die Balkanmafia und die italienische mit der deutschen und der österreichischen. Der Kreuzungspunkt führt nach Klagenfurt.“ Heinichen kennt durch seinen Recherchen alle – die Polizei, die Opfer und die Verbrecher. So wie Proteo Laurenti, der lieber in einer Osmizza, einer Buschenschenke im Karst, ein Glas Vitovska und kräftigen Schinken genießt. Hier oben, wo manche Menschen sechs verschiedene Pässe hatten.
Stadt der Genüsse Heinichen betrachtet seinen Commissario als Kollegen. Er begegnet ihm in derselben Bar und sie trinken oft denselben Wein. Beide schätzen die Gran Malabar an der Piazza San Giovanni. Heinichen betritt sie aber erst, wenn Laurenti sie verlässt. Besitzer Walter Cusmich umarmt den Autor euphorisch, italienisch eben. Obwohl, Cusmich und italienisch? Walter ist Qualitätsfanatiker – und er lockt Spitzenwinzer wie Angelo Gaja an, die ihre Weltneuheiten immer zuerst in der Gran Malabar präsentieren. Selbst die New York Times schreibt über diese Enoteca mit ihren 60.000 Schätzen im Keller.
Der Geruch des Meeres dringt in Triest durch alle Ritzen und entfaltet sich in frischem Fisch, Muscheln, Algen. Oder in einem Hauch von Brackigkeit, die von angerosteten Industriestahlleichen herweht. Einer dieser vielen Gegensätze der Stadt. In erster Linie ist Triest aber ein Ort der Genüsse. Nirgends isst man so vielfältig – Prager Schinken mit Kren, panierte Sardinen, Kutteln, Krebschen oder Muscheln.
Am besten eingeführt in die Aromen Triests wird man bei Ami Scabar, Triests bestem Fischlokal. Man muss allerdings wirklich zu ihr hinfinden wollen und eine ausgeprägte Spürnase haben. Wir fahren zum Glück mit Veit Heinichen die verschlungenen Wege den Berg hoch. In einem Affentempo allerdings, so ähnlich muss es wohl bei der Jagd auf Bonny und Clyde zugegangen sein. Die „Materia Prima“, also die Zutaten, spielen bei Ami die Hauptrolle. Angefangen beim Olivenöl, Celo von Vitjain Sancin. Ein Öl voll Leben. Ausgewählte Fischer liefern permanent frische Ware, die würzigsten Kräuter sprießen in Amis Garten und das Wasser fließt aus einem eigenen Aquädukt. Die Gerichte kommen oft in „Dreier-Flights“ – gescheit ausgeklügelt, vom ersten bis zum dritten Happen baut sich der Geschmack wie der Vesuv auf. Ein Glückspilz, wer Partner einer Köchin wie Ami ist – so wie Veit Heinichen.
Trendfood Nur ein paar Meter vom Meer entfernt sitzt man im neu eröffneten Le Vele im Hotel Miramare, bei der Einfahrt zum Schloss. „Hätten Sie noch gern Wein?“, fragt der Kellner. „Nur ein bisschen, wir müssen noch Auto fahren.“ Er schenkt ungefähr 10 Tropfen nach und grinst. „Sie sagten, ein bisschen.“ Einen würzigen Sauvignon Villa Russiz de la Tour lässt man sich aber nicht entgehen und er schenkt mehr nach. Ein Foto vom Restaurant? „55 Euro Copyright.“ Der Schmäh rennt im Le Vele. Und das Trendfood auf riesigen weißen Tellern spiegelt die blendende Laune in der Mannschaft wider. Modern, leicht und so hell wie das lichtdurchflutete, superstylishe Restaurant mit viel Glas, nichts für Klassikfans.
Szenenwechsel in die Gegenwelt, ins Suban: ein Stück lebendige Geschichte und seit 1865 Gralshüter Triestiner Küche mit Einflüssen aus dem Karst. Fusi mit kleinen Stücken von Hühneragout, Palatschinke (heißt wirklich so) mit kräftigem Basilikumpesto, lockere Gemüseflans und zum Schluss der Apfelstrudel mit Pinienkernen, der muss einfach sein – besser als im Wiener Kaffeehaus. Das beste Antipasto bekommt man im Le Terrazze im Hotel Riviera e Maximilian’s – die Aussicht auf das stahlblaue Meer stimuliert die Sinne wie eine frische Auster. Die Küche: angenehm unaufgeregt, puristisch. Der Branzino wird auf den Punkt gebracht, mit ein wenig Olivenöl und Gemüse – das genügt zum Glück. Und die Kellner sind eine Extrashow, so bemüht und charmant.
Café-Hauptstadt Triest ist Hauptstadt der Cafés. Kaum wo konzentrieren sich so traumhafte Häuser wie in der Illy-Stadt und nirgendwo in Italien fließt so viel schwarzes Gold aus den Bäuchen der Espressomaschinen. In Triest werden jährlich 1500 Tassen pro Kopf genossen. Im Vergleich zu Skandinavien kann Triest aber einpacken. Vielleicht, weil Mankels Kommissare die regenverhangene Tristesse mit mehr Kaffee hinunterspülen müssen. Das Ambiente in Triests Cafés ist so fein wie das Aroma in den Tassen. Designt wie das Urbanis, gediegen mit Stuck und Luster wie das Torinese oder mit Jugendstildeko wie das San Marco – für jeden Geschmack etwas. Früher war das San Marco Zuflucht für die verbotene italienische Presse, im Hinterzimmer gab es Passfälscher, jetzt ist es Heimat für Claudio Magris, einen der großen Autoren Triests. Heinichen ist selten hier: „Ein Schriftsteller pro Café genügt.“ Wie viel Kaffee Heinichen trinkt, weiß er nicht. Auf jeden Fall ohne Zucker, proklamiert er und leert gedankenverloren ein Säckchen in die Tasse.
In Monfalcone werfen wir noch Anker. Eine hässliche Hafenstadt, aber das Ai Castellierei ist mehr als einen Stopp wert. Herrlicher Spargelflan mit Eiercreme, Prosciutto mit Birne und Rucola, Pasta mit Hirschragout und Biechi (Nudelflecken) mit Wiesenkräutern. Und dann kommt auch noch Righeira herein. Righeira? Er hat Vamos a la Playa gesungen. Wahnsinn! Ein Verwandter der „Patroni“ Mirco und Roberto, mit denen wir wie eine Familie zusammen sitzen und Grappa trinken. Ob wir uns schon lange kennen? Nein, unser erster Besuch.