Der Neid auf teuren Wein ist mit Sicherheit der unnötigste. Die Welt ist voll mit Tausenden von großartigen Tropfen, eine korrekte und vollständige Auswahl so unmöglich wie menschliches Leben im Zentrum der Sonne. Wir machen’s trotzdem – wir befragten die weinkundigen Redakteure von Rolling Pin und Gourmetreise nach ihren Preis-Leistungs-Weinen aus der Alten Welt. Hier ihre 50 Should-Haves!
Auch wenn er in Zukunft „Friulano“ heißen wird – der absolute Großmeister der Sorte Tocai heißt Adriano Gigante. Mit schöner Regelmäßigkeit verleiht Italiens
Nr.-1-Weinguide „Gambero Rosso“ seine Höchstnote, die 3 Gläser, an Gigantes Tocai Storico. Ca.15 € ab Hof sind geradezu unverschämt wenig für diesen kräftigen Weißen mit seinen herrlichen floralen Aromen.
Das rote Gegenstück – kräftig, extrem konzentriert, enges Holz – kostet mehr als das Doppelte, so um die 40 €. Der Barolo Sorì Ginestra von Guido Conterno Fantino überzeugt Jahr für Jahr, und das schon seit mehr als 10 Jahren. Noch günstiger der Monprà, eine moderne Cuvée aus Nebbiolo und Cabernet Sauvignon mit großem Lagerpotenzial.
In Monchiero in der Provinz Cuneo werkt seit 1881 höchst segensreich Mauro Mascarello samt Familie. Ein Garant für großartigen, langlebigen, traditionellen Barolo. Monprivato und Villero heißen die beiden Topgewächse; für ca. 40 € wahre Schnäppchen, die noch dazu mit den Jahren immer besser werden. Chianti hat mit den letzten Jahrgängen nicht wirklich überzeugen können – natürlich bestätigen etliche Ausnahmen (wie etwa das Jahr 2004) die Regel; die eventuell vorhandene Toskana-Lücke im Keller lässt sich bestens mit Vino nobile di Montepulciano auffüllen. Ein gelernter Rechtsanwalt aus Pisa zeigt, wo’s langgeht! Der nach organisch-biologischen Grundsätzen gekelterte Wein der Podere il Conventino schmeckt atemberaubend gut – um ca. 10 €!
Das Drei- bis Vierfache nimmt Dottore und Conte Andrea Costanti, ein studierter Geologe, für seinen großartigen Brunello. Jenseits von Genhefen und Mostkonzentration, spiegeln seine Weine das Terroir auf idealtypische Weise wider. Schnell zuschlagen – die Produktion von Colle al Matrichese ist mit 10 Hektar Weinbergen extrem begrenzt.
Hier spricht man Deutsch, es gibt Berge statt Meer und exzellente, säurebetonte Weißweine statt der schweren Roten des Südens. Südtirol steht auf dem Programm! „Unglaublich homogene Qualität! Da kannst du jede Flasche aus dem Keller nehmen, vom billigsten bis zum teuersten!“ – brav gesprochen, Herr Chefsommelier. Die beiden hoch gelobten Kellereien heißen Schreckbichl bzw. St. Michael-Eppan. Falls bei einem Besuch vor Ort auch noch die charismatischen Geschäftsführer Dr. Luis Raifer bzw. Hans Terzer zugegen sind, hat sich das Tor zum Weinhimmel ziemlich weit geöffnet. Kaufempfehlung: alle Sorten, solange der Vorrat reicht. Ab 5 €.
Wird schon lange als d e r Aufsteiger in der Alten Welt gehandelt. Regionen wie La Mancha, Navarra, Yecla, Montsant tragen mit ihren absolut unterschätzten Weinen – ab unglaublichen 3 € – schon lange zu diesem Image bei. Wir bleiben allerdings in den bekannteren Regionen und bei den höherpreisigen Weinen – echte Weltspitzen zu vernünftigen Preisen.
Contino ist der Augapfel der CUNE-Gruppe. Auf den 50 Hektar des penibel gepflegten Gutes werden die traditionellen Sorten für die Rioja-Cuvée kultiviert, aber auch klassische Bordeauxvarietäten. Daraus keltert man echt große Weine – manche Fachleute zählen sie gar zu den besten der Welt. Antrinktipp: 1996 Gran Reserva um ca. 25 €.
Remirez de Ganuza – das ist Stil auf allen Ebenen, vom Etikett bis zum Verkostungsraum und dem Wohnhaus Fernandos. Der ehemalige Chorizohändler hat mit viel Verhandlungsgeschick an die 100 der besten, allerdings auch winzigsten Weingartenparzellen zusammengetragen. Vinifiziert wird in einem wunderschön restaurierten Objekt, als Presse dient übrigens ein riesiger, wasserbefüllter Plastiksack. Die Reserva kostet um die 40 €, der Trasnocho ca. 70 €.
Unmittelbar neben der weitläufigen Anlage der Grafen von Murrieta residiert die (zumindest räumlich) ärmere Verwandtschaft, der Marquès de Vargas. Keller und Barriquelager präsentieren sich äußerst unspektakulär. Dafür glänzen die Weine umso heller. Bei 20 € fängt der Spaß an, Mr. Parker zeichnet regelmäßig den Topwein Hacienda Pradolagar aus. Dafür sind allerdings 90 € fällig.
Im Verkostungsmarathon war nach ca. 300 Proben klar, wo der Weinhammer in Ribera del Duero hängt! Bitten wir die Hacienda Monasterio vor den Vorhang, insbesondere den Kellermeister Carlos de la Fuente. Hervorragende Weine macht er da, der drahtige, trinkfeste Mann mit den flinken Augen. Für ca. 20 € erhalten Sie sehr viel Wein!
Im Süden Iberiens reift ein außergewöhnlicher Wein, der nur allzu oft weit unter seinem Wert gehandelt wird – Sherry! Speziell im angelsächsischen Raum sind Dutzende Rankings zum Thema „best value for the lowest price“ zu finden. Und ebenso oft wird das Spitzentrio (oder auch Quintett) von diesen absolut preiswürdigen Gewächsen aus Jerez de la Frontera oder Sanlúca de Barrameda dominiert. Selbst ausgefuchste Sommeliers vergessen nämlich eines immer wieder: Fino, Amontillado, Oloroso, Palo Cortado, Cream oder süßer Sherry aus Moscatel eignen sich perfekt, um eine ganze Menüfolge zu begleiten! Stellvertretend für viele Prachtexemplare: der Manzanilla (ohne Einschränkung famos auch der Rest der Produktion) von Gutiérrez Colosía (nur ca. 10 €) und der Fino von Emilio Lustau (ca. 15 €).
Ein Stück weiter, über die Grenze nach Portugal. In den letzten Jahren boomen zwar die seltenen Rotweine der Region, die „Douroboys“ könnten vermutlich die zwanzigfache Menge verkaufen. Wir halten es aber mit der englischen „Nobilität“ – ein Gläschen Portwein, bitte schön! Großartiger Stoff, extrem lagerfähig – und meist auch noch ziemlich preiswert – Hedonist, was willst du mehr! Wieder zwei Adressen als Platzhalter für viele: Quinta do Noval (einfache Qualitäten schon ab 15 €) und Quinta do Vesuvio (ab ca. 50 €. Aber meistens wird’s eine ganze Holzkiste – die ist nämlich wunderschön!
Frankreich – aber ja doch! Wie wir bei den Recherchen in den Weinlagern der Kollegen feststellen konnten, wird das Mutterland der prestigereichsten Kreszenzen der Welt von Preis-Leistungs-Sammlern immer etwas stiefmütterlich behandelt. Kann das mit den stolzen Preisen und eventuell erlebten Enttäuschungen zusammenhängen. Okay, hier werden Sie geholfen! Konstant gute Qualität zu meist annehmbaren Preisen bieten im Bordeaux u. a. die Châteaux: Lynch-Bages, Ducru-Beaucaillou, Canon, Haut-Bailly, Sociando-Mallet, Tertre Rôteboeuf, Climens (ein Sauternes – supersüß! D i e Alternative zu Yquem), Cos d’Estournel, Figeac, Gruaud-Larose, Leoville-Las-Cases (auch der Zweit- und Drittwein sind ihr Geld wert!), Monbousquet, Palmer, Ponet-Canet, Vieux Château Certan (herrlicher Pomerol – trotz furchtbarer Homepage). Die Preise variieren natürlich gewaltig (ab ca. 40 €), der günstigste Zugang zu den großen Gewächsen ist sicher die Subskription – drei Jahre im Voraus bezahlen, abwarten und zwischenzeitlich etwas Preiswertes trinken!
Wann immer von den echt großen Weinerlebnissen die Rede ist, kommt das Burgund ins Spiel. Wenn von den größten (und teuersten) Weinenttäuschungen gesprochen wird – da ist dieselbe Region auch ganz vorne mit dabei! Trotzdem – mit diesen Gütern waren wir immer recht gut beraten. Zunächst einmal die zwei wirklich verlässlichen Handelshäuser: Louis Jadot und Bouchard Père et Fils. Dann hätten wir noch die konstant guten und biodynamischen Gebrüder Trapet, die ausdrucksstarken Weißen und Roten von Vincent Girardin, die wahren Grand Crus von Jean Grivots, köstlich feste Rote aus 80-jährigen Rebstöcken von Robert Chevillon. Unbedingt auszuprobieren ist das Erfolgsrezept eines unserer Redakteure: Er kauft die unterste Schiene, die preiswerten AOC-Weine, von den großen Namen. Und fährt damit oft besser als mit großen Lagen! Michel Lafarge und Jean-Jacques Confuron seien allen kostenbewussten Genießern ans Herz gelegt. Ab ca. 30 € tritt man ins Weinparadies ein – kein Thema, wenn die Hölle schon mal 1000 € und mehr kosten kann.
Noch ein Schlückchen Champagner! Schränken wir uns ein: Ein größerer und ein kleiner Produzent sollen hier vorkommen. Unendlich gut, füllig und elegant, mit Bläschen, die wie kleine Nadeln Frucht und Säure in den Gaumen meißeln – das ist der Edelsprudel von Meister Anselme Selosse. Substance steht auf dem Etikett; und es stimmt zu 100 %! Das Haus Gobillard produziert so eine Art Gegenentwurf in der Modefarbe Rosé: feinnervig, säurebetont, eher weinig, Eleganz und Finesse pur. Wenn man nur aufhören könnte!
Man kann halt seine geschmackliche Herkunft nicht verleugnen. Der Österreicher liebt säurebetonte, fruchtige Weine, zumindest, was den Weißwein angeht. Nach der Rückkehr von ausgedehnten Weinrecherchen in der Neuen Welt spielt sich immer das gleiche Ritual ab: Kühlschrank auf, leichtgewichtiger Veltliner heraus! Damit lässt sich der unangenehm globale Geschmack auf der Zunge – viel Alkohol, viele Oakchips, kaum Säure, dazu noch etwas Restzucker, marmeladige Frucht – aufs Köstlichste wegspülen. Der Blick aufs Preisschild bringt meist noch mehr Glanz ins Genießeräuglein. Gerade einmal 5 Euro für ein ehrliche, süffige Flasche – da freut sich auch das Portemonnaie. Was allerdings nur bedingt stimmt; die bekannten Namen in der rot-weiß-roten Weinwelt langen schon ordentlich zu, seit der Euro den Schilling abgelöst hat. Ein Satz, der wiederum auch nur bedingt stimmt. Neben den teuersten Weinen der Erde (ab 200 Euro aufwärts) nehmen sich die Preise der besten Austriaken (mit 93 Parker-Punkten und mehr) geradezu schamlos niedrig aus: das Beste von Kracher, Hirtzberger, Bründlmayer, F. X. Pichler und Kollegen bekommt man schon ab 35 Euro und weniger.
Und irgendwo in der Mitte zwischen der oben zitierten Flasche im Kühlschrank und den vinologischen Tops liegt das Eldorado des preisbewussten Connaisseurs. Absolut unfähig, aus den knapp 120 (!) Tipps der Kollegen und den eigenen Adressen auszuwählen, stellen wir einige Winzergruppierungen in die erste Reihe. Ladies first – 11 Frauen und ihre Weine. Könnerschaft, Vielseitigkeit (von der „süßen“ Heidi Schröck über die „rote“ Sylvia Heinrich bis zu Ilse Maier, der Seriensiegerin im Bereich der Bioweine). Ein Probepaket mit 11 Weinen – was sonst? – kostet gerade einmal 99 Euro.
Leithaberg heißt eine Winzergruppe, die sich zur Aufgabe gemacht hat, das Terroir des Leithagebirges (ehrlich gesagt eher eine Hügelkette denn ein gletschergekrönter Himalaya-Ersatz) in die Flasche zu füllen. Die phantastische Serie in Weiß und Rot hat bei allen für Furore gesorgt, die das Glück hatten, ein paar Flaschen erwerben zu können. Die Preise bewegen sich zwischen 10 und 22 Euro.
Große Lagen – große Weine. Unter diesem Motto haben sich die Traditionsweinsgüter gefunden: Malat, Hirsch, Salomon, Schloß Gobelsburg, Nigl, Ott, Mantler, Jurtschitsch ... Einer der renommiertesten österreichischen Weinguides leerte sein Punktefüllhorn über die Supertruppe aus: 16 Weine wurden mit 93 und mehr Punkten bewertet.
Dann hätten wir noch die hoch motivierten Damen und Herren der Vinovative zu bieten, ehe wir den Süden des Landes besuchen. Dort haben sich alle Weinbarone von Tement bis Winkler-Hermaden in der Steirischen Klassik gefunden.
Was für Österreich gilt, gilt natürlich auch für Deutschland. Und dort gleich doppelt – schließlich ist auch die Rebfläche doppelt so groß wie die österreichische. Deutschland und Riesling – das wunderbarste Duo der Welt. Natürlich haben wir auch köstlichen Rivaner getrunken, Weltklasseburgunder in Rot (z. B. Jakob Duijn) und weiß (z. B. bei Michel im Badischen), aber die Königsdisziplin ist nun einmal der Riesling. Feine (und niedrige) Preise für feine Weine: ab ca. 10 Euro. Uns ist klar, dass wir wieder einmal viele (und v. a. liebenswerte) Winzer und Freunde ignorieren müssen. Riesling haben die meisten in unserer Hitliste. Von der Ahr bis Württemberg haben wir je Region nur einen Betrieb herausgepickt. Sachsen haben wir vorläufig noch nicht berücksichtigt. Da hinkt die Qualität doch etwas zu sehr hintennach.